Die

Untergrundfrau
 

Roman
 
 
 
 
 
 

Michael Molsner

© Michael Molsner 2007
 
 

1. Post aus der Vergangenheit
Sie kamen zu zweit, wie üblich, ein Mann in mittleren und eine Frau in jungen Jahren. Sie waren sehr höflich, stellten sich vor und wiesen sich aus, und als ich sie zur Sitzgruppe gebeten hatte, entschuldigten sie sich für die Störung. Es sei wichtig im Zusammenhang mit einer laufenden Ermittlung des Bundeskriminalamts.
Der Hund, den ich vorsorglich nach unten geschickt hatte, bellte wie verrückt. Der Mann kramte eine Klarsichthülle aus seiner Umhängetasche. Drin steckte die Kopie eines Briefumschlags.  „Kennen Sie die Handschrift?“
Mein Name stand auf dem Kuvert. Aber die Adresse stimmte schon lange nicht mehr.  Seit über dreißig Jahren nicht.
„Auf Anhieb – nein, tut mir leid.“
„Hier ist der Brief dazu.“ Er präsentierte mir eine zweite Kopie.
Es waren nur wenige Zeilen. Keine Anrede. „Verzeih mir, ich durfte es niemand sagen, auch dir nicht. Du erinnerst dich sicher an Gregor Samsa. Als er eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“
Ich blickte auf. „Der Brief ist nie bei mir angekommen.“
„Kennen Sie einen Gregor Samsa?“
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. So fängt eine Erzählung von Franz Kafka an. Steht in Schulbüchern. Es ist ein Zitat.“
Sie lächelten einander zu.
 „Die Frage ist natürlich“, warf sie ein, „wer mit dem fiktiven Namen gemeint ist.“
„Keine Ahnung.“
Er übernahm wieder: „Und warum gerade aus dieser Erzählung zitiert wird. Kann es sich um eine chiffrierte Nachricht handeln?“
„Irgendetwas gibt man mir zu verstehen, aber was? Bei wem haben Sie den Brief gefunden?“
„Bei einem Iraner mit deutschem Paß.“
„Eine männliche Person also. Die Schrift sieht eher nach einer Frau aus.“
Sie warteten.
„Was gibt er für eine Erklärung?“
„Mit uns redet der nicht.“
„Sie stellen mich vor ein Rätsel. In welchem Zusammenhang steht der Brief? An welches Umfeld soll ich denken?“
„Wir sind von der Terrorfahndung.“
„Damit hab ich schon lange nichts mehr zu tun.“
„Wir haben uns natürlich schlau gemacht, wer Sie sind.“ Er beugte sich vor und entblößte unwillkürlich die Zähne. „Herr Bork – ist das ein Brief von Dorthe Bichler?“
Ich brachte kein Wort heraus. Erschrocken war ich eigentlich nicht, eher benommen. Vor Freude, unsinniger Freude. Ein Glücksgefühl durchströmte mich.
„Ich ... Ich kann Ihnen das unmöglich bestätigen. Wenn es so wäre... Vielleicht hab ich noch Proben ihrer Handschrift irgendwo. Nein, wohl kaum. Haben wir Briefe gewechselt? Kann mich nicht besinnen.“
„Es ist Dorthe Bichlers Handschrift.“
„Das BKA hat Proben ... Ja. Natürlich.“
„Was teilt eine Topterroristin Ihnen mit?“
„Vor dreißig Jahren? Von wo schreibt sie? In welcher Situation?“
„Das Labor meint, der Brief könnte aus Palästina stammen. Im Umschlag sind Spuren von einem Sand gefunden worden, der dort vorkommt. Auch pflanzliche Mikrospuren sprechen dafür.“
„Dann hätte sie diesen Brief unmittelbar nach dem Abtauchen in die Illegalität an mich abge... Nein, abgeschickt hat sie ihn eben nicht. Hat sie ihn einem Kurier übergeben, der auf dem Weg nach Deutschland war? Was ist das für ein Iraner?“
Sie nannten einen Namen. „Schon mal gehört?“
Das hatte ich allerdings. Aber gerade dieser Fersi war ein harmloser Typ am Rand der linken Szene gewesen, mehr Hippie als Kämpfer. In einem Palästinenserlager konnte ich mir das schmächtige Kerlchen nicht vorstellen.
„Es tut mir leid“, sagte ich. „Das trifft mich alles sehr unvorbereitet. Ich muß drüber nachdenken. Kann ich Sie zurückrufen, falls mir etwas einfällt?“
Sie verabschiedeten sich mit dem Satz, den sie immer sagen: „Wir kommen wieder.“ Hab ich selbst oft genug gesagt, als ich noch Staatsschützer war. Lang her gegenwärtig.
Beinah so lang ist Dorthe jetzt schon tot.
 

2. Razzia
Unsere Razzia kurz vor Weihnachten1968 war der Anfang vom Ende meiner Laufbahn bei der Polizei. Der Zugriff galt einem Bierlokal, „Zum Deutschen Eck“. Es war ein Treffpunkt der Sonnenradler, sie hatten – um unerwünschte Zaungäste auszuschließen – neben dem Straßeneingang eine Tafel aufgestellt: GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT.
Wir Zivilen fuhren Punkt null Uhr vor, drehten die Tafel zur Wand und drangen ein. Gleichzeitig fuhren am Hintereingang uniformierte Kollegen in Mannschaftswagen vor.
Wir ignorierten das Protestgebrüll der Versammlung und überreichten den Wirtsleuten die Papiere, die eine Durchsuchung der gewerblichen Räume – nicht der privaten – gestatteten. Die Uniformierten, die vom Hof her durch den Kücheneingang lawinenartig und geräuschvoll herein platzten, bauten sich als unser Personenschutz auf. Wir hatten es mit gewaltbereiten Extremisten zu tun.
Die Leitung der Aktion war aufgeteilt zwischen meinen Freunden Dirk Meilus, Hauptkommissar, Götz Bollert, Oberkommissar, und mir, Olaf Bork, ebenfalls Hauptkommissar. Für Dirk war es der letzte Einsatz mit uns, er hatte sich für einen Wechsel zum Verfassungsschutz entschieden. Daß auch ich zum letzten Mal für unsere Inspektion X (lies: zehn)  der Kriminaldirektion einen Einsatz leitete, ahnte niemand.
Dirk überprüfte die Ausweise der Neonazis.  Wer auf der Fahndungsliste stand, mußte sich zum Gefangenentransportwagen begleiten lassen.
Götz Bollert ließ sich vom Wirt  die Musikbox öffnen; bei etlichen Singles, die als harmlose Schlager getarnt waren, handelte es sich um verbotene Aufnahmen. Ich beschlagnahmte Hetzschriften.
Es war ein stinkiges Lokal. Vom Abort her roch es nach Desinfektionsmitteln, im Gastraum nach Schweiß, in der Küche nach Abfall, und insgesamt nach Pornographie. Und tatsächlich, auch Sexheftchen fand ich. Die ließ ich liegen.
Gegen Morgen bekam ich Hunger. Unter einem Glassturz waren Frikadellen ausgelegt. Ich fragte den Wirt, wie alt die seien, und er erwiderte trotzig: „Solange sie dem Gast nicht entgegen kommen, bleiben sie liegen.“ Essen als Mutprobe. Ich nahm eins von den Schmalzbroten.
Als es schon hell wurde und die Arbeit getan war, traten wir drei Freunde und Kollegen – Dirk Meilus, Götz Bollert und ich – an  die Theke und ließen uns jeder ein Bier zapfen. Der Hof draußen leerte sich, die meisten Polizeifahrzeuge fuhren jetzt wieder ab.
Unsere Krüge klangen aneinander. Wir Kommissare prosteten uns zu. Offenbar in feindseliger Absicht stimmte der Wirt ein Lied an, „Annemarie“. Die Belegschaft, bestehend aus der Wirtsfrau,  zwei Bedienungen und dem Koch, grölte mit. Schupo war nicht mehr da, der Personenschutz insoweit also abgebaut.  Das wird der Grund dafür gewesen sein, daß sie ihr Mütchen kühlten. Vor uns hatten sie keine Angst, unsere  unauffällige Aufmachung wiegte sie in Sicherheit. Dabei wäre unsere Kampfkraft im Ernstfall beträchtlich gewesen.
Götz Bollert wiegt zwei Zentner und hat die Größe dazu.
Dirk Meilus ist sehnig, geschmeidig, schnell.
Und ich hatte die Jacke abgelegt, mein Schulterholster hat in der entspannten Situation vermutlich harmlos gewirkt, doch ich hätte die Waffe blitzartig ziehen können.
Das Lied, das die Wirtsleute uns wie eine Provokation trotzig ins Gesicht schmetterten, war an sich harmlos. Andernfalls hätten wir es uns verbeten.

„Wenn die Sonne scheint, Annemarie,
Machen wir 'ne Landpartie.
Und wir wandern durch die schöne Welt,
Froh und frei, wie's uns gefällt.
Und dann wird gelacht,
Und dann wird geküßt,
Kleine Annemarie, wie's so üblich ist.“

Wir verstanden es als Herausforderung: zwar nicht ernst-, aber auch nicht hinzunehmen. Spontan hielten wir mit einem Beatlessong dagegen, der sich gut brüllen läßt:
She loves you, yeah yeah yeah!
Die Gegner konnten sich gegen unsere Stimmgewalt nicht durchsetzen und brachen ab.
Wir drei verbeugten uns spöttisch.
Erst jetzt bemerkten wir, daß unser Vorgesetzter, Leitender Kriminalrat Dr. Achim Glufke, hereingekommen war. Dirk Meilus ging sofort hin, um unser Verhalten zu erklären.
In diesem Augenblick begann es.
Unter Kopfschmerzen hatte ich öfters gelitten. Aber das jetzt war etwas anderes. Götz sah, daß ich ernste Schwierigkeiten hatte.
„Es ist Übermüdung. Du brauchst frische Luft.“
„Ruf mir ein Taxi!“
Um mich drehte sich alles, ich fürchtete umzukippen. Selbstverständlich ließ ich mich danach komplett durchchecken. Man kennt die Prozedur:
Mit Bleischurz über den empfindlichen Teilen steht der Patient vor dem Röntgenschirm und wartet nervös, was hinter dem Rippengitter alles entdeckt werden könnte.
Auf dem Rücken liegend, bekommt man kalte Elektroden auf die Haut geschnallt.
Man trampelt auf Pedalen, während der Widerstand verstärkt wird.
In einer Kabine wurde mir das Glas gezeigt, in das ich urinieren sollte.
Blutabnahme. Wo ist die schönste Vene, linker Arm, rechter Arm?
In den Nächten, die vergingen, während ich auf die Laborbefunde wartete, träumte ich viel. Tagsüber telefonierte ich mit meiner Frau.
„Ich fühlte mich im Bett von einem fremden Menschen bedrängt“, erzählte ich. „Und ich fragte ihn, ob er das braucht, diese Nähe. Ja, sagte er, ich kann sonst nicht schlafen. – Und ich kann nicht schlafen, wenn man mir zu nahe kommt,  war meine spontane Antwort.“
Beckys  Arbeitsplatz in der Berufsschule ist ein moderner, technisch hervorragend ausgestatteter Raum. Eine Klasse trampelte gerade herein, während wir telefonierten. Becky ließ sich vom üblichen Geschnatter nicht aus der Ruhe bringen. „Ich hab Info-Blätter vorbereitet“, hörte ich sie sagen. „Bitte jeder nur eines. Jeder nur eines!“ Ich hörte sie lachen.
Ich saß allein zuhaus, durfte tun, was ich wollte, und litt unter kaum erträglicher Anspannung. Becky fühlte sich angenehm entspannt inmitten einer Horde anspruchsvoller junger Leute.
Der Gegensatz war mir peinlich bewußt, während ich weiter erzählte.
„Der Fremde rückte weg, ließ nur noch eine Hand auf meinem Bauch liegen... Und ich wurde unruhig, ich dachte: Kann ich mit dieser Hand auf meinem Bauch einschlafen? Ich wurde immer wacher – und fand mich allein im Bett: Ich war aufgewacht.“
Becky sagte: „Ich komm dir oft zu nahe... hab ich das Gefühl.“
„Du bist doch kein Fremder! Nein, es war jemand anders, nicht du!“
Einige Tage nach dem Checkup konnte ich den ersten Bescheid abholen. Ein Arzt in meinem Alter, etwa 30, klappte die Krankenakte auf.
„Sie sind gesünder als ich, Herr Bork.“
„Ich bin überhaupt nicht mehr belastbar!“
„Was machen Sie beruflich?“
„Ich hab einen Hammer im Kopf, wenn der losdröhnt, wird mir schwindlig und übel. Migräne nennt man das wohl. Aber wenn ich Migräne sage, denkt jeder, ich bin verklemmt und hab keinen Sex.“
„Schildern Sie den letzten Anfall.“
„Das war nach einer Razzia.“
„Macht sicher viel Stress?“
„Der Einsatz war eigentlich schon beendet, da sangen die Wirtsleute aus Protest deutschnationales Liedgut. Mir wurde schwarz vor Augen.“
„Die sangen in Ihrer Gegenwart Nazilieder?“
„Das hätten sie sich nicht getraut. Nein, es war was Altdeutsches für Kerls mit Schmissen im Gesicht. Annemarie.“
Der Arzt deutete auf eine unauffällige Narbe an seiner Wange und grinste. „Kenn ich, ist harmlos.“
„Auch jetzt wieder. Es geht mir schlecht und ich weiß nicht warum! Es gibt keinen Anlass. Übrigens wollte ich Sie natürlich nicht beleidigen.“
Die Diagnose, daß ich gesund war, half mir nicht weiter. Ich stand Schmerzkrämpfe durch, die meinen Alltag in Stücke brechen ließen.
Einige Tage danach holte ich mir die zweite Diagnose ab. Diesmal war es ein erfahrener alter Chefarzt, der versicherte, ich sei gesund und lediglich überanstrengt. Er verordnete Spaziergänge, Gartenarbeit, einen Hund zum Spielen.
Ich kam zu spät ins Büro und sagte: „Es ist zum Verzweifeln.“
Götz Bollerts Schreibtisch und meiner standen Kante an Kante. Er saß an seinem Arbeitsplatz und las Zeitung. In unserm Beruf gehört das zu den Pflichtaufgaben, wir müssen informiert sein.
Ich ging zum Waschbecken und schluckte Tabletten gegen die Schmerzen.
Götz hörte jemand kommen. Er faltete die Zeitung zusammen, stellte sein Kofferradio ab, obgleich natürlich auch das Abhören der wichtigsten Radiosender Teil unserer Arbeit ist, und warnte mich: „Achtung.“
Ich spülte die Tabletten  mit einem Glas Wasser runter und drehte mich um, als Glufke eintrat.
Er grüßte durch ein Nicken und wandte sich sofort mir zu.
„Ich habe eine Planstelle im Archiv für Sie freigeschaufelt. Da haben Sie weniger Stress.“
Das Angebot hatte ich kommen sehen und  mit meiner Frau diskutiert. Wir waren uns einig. Es mußte sinnvollere Beschäftigungen für mich geben, als im Aktenspeicher Staubmilben zu dressieren. „Wenn ich hier fehl am Platz bin...“, begann ich, heiser vor unterdrückter Wut über die Demütigung, die ich doch aber erwartet hatte.
Götz rief dazwischen: „Eine Beurlaubung krankheitshalber! Wie wär es damit? Was meint der Personalrat?“
 Ich riß mich zusammen. „Ein verständnisvolles Angebot hätte ich akzeptiert. Dieses nicht. Ich scheide aus.“
 

3. Bundesstraße 252
Bei peitschendem Regen prallte ein VW-Käfer in einer leichten Rechtskurve  rund fünfzig Kilometer nördlich von Marburg auf einen entgegenkommenden Lastwagen. Der Fahrer des LKW versuchte  auszuweichen, sein Vierzigtonner kippte in den Graben.
Aus dem vorn eingedellten VW befreite sich der Studentensprecher Marius Kamp, 29. Durch einen hellen Parka gegen den Regen geschützt und – wie er geglaubt haben muß – weithin sichtbar, lief er die Straße zurück und winkte ins Scheinwerferlicht eines herankommenden Wagens. Laut Polizeibericht war es das Lieferfahrzeug einer Bäckerei. Der Lenker kam von einer Übung der Freiwilligen Feuerwehr heim. Er sagte aus, er habe Marius überfahren und getötet. Bei diesen Worten begann er zu schluchzen.

4. Mühlbach
Früher lag hier nur Schotter. Bei Regen verwandelte die Piste sich in Schlamm. Es hat mich nie gestört, ebenso wenig wie der Name der Straße: Richtstätte. Richtstätte 10 war unser Zuhause. Eine schöne Zeit? Sie scheint immer schöner zu werden, je weiter sie zurückliegt.
Aus der von  Wassermücken  bewohnten Regentonne schöpfte mein Großvater lauwarme Brühe, in der undurchsichtiges Leben wimmelte. Er stapfte damit zu den Gemüsebeeten. Ihm folgte mit einer kleineren Kanne der Enkel Olaf, ich,  damals 12. Kürbisse thronten majestätisch auf dem Kompost.
Der große und der kleine Bork. So nannten die Leute uns. Wir waren unzertrennlich. Oder vielmehr, trennen konnte mich von meinem Opa nur einer, und das war Marius. Er kam über die steile Böschung aus der weißen Villa zu unserem Behelfsheim herunter gerutscht und spielte den artigen Jungen. „Grüß Gott, Herr Bork, darf Olaf mit zum Baden?“
Bald lagen wir – ich 12, er 11 Jahre alt – nebeneinander  in der Sonne und lasen.
Daß die Sonne so oft geschienen und so heiß gebrannt haben soll wie in meiner Erinnerung an lange, heiße Sommer, kann eigentlich nicht sein. Mir ist, als ob wir ganze Monate auf den Sonnenbrettern geschmort hätten. Die neuesten Heftromane hielten uns dort fest. Sie siegten immer, unsere Helden. Wir mit ihnen. Das ermutigte uns, es ihnen nachzumachen und vor keiner Kühnheit zurückzuschrecken.
Ich sehe Marius und mich auf dem Drei-Meter-Brett. Drei Meter bis zum Wasserspiegel und nochmal zwei oder drei bis zum Boden des Beckens. „Gefühlt“ waren das tausend Meter.
„Hast Angst, hä?“ forderte er mich heraus.
„Du vielleicht!“
„Also dann los.“
„Beide gleichzeitig“, schlug ich arglistig vor. Nun mußte er es beweisen!
„Auf drei“, lautete sein Gegenvorschlag. „Eins, zwei...“
Ich wartete...
Marius unterbrach die Zählung: „Mich hat was gestochen.“
Ich entspannte  mich. Also nichts. Doch plötzlich überwand er seine Hemmung, sprintete nach vorn und sprang alleine. Er tauchte wieder auf, winkte und rief: „Feigling!“ Selbstverständlich sprang ich hinterher.
Nun stand ich wieder vor dem Haus Richtstätte 10, wo ich aufgewachsen bin. Das Haus war kein Heim mehr. Meine Mutter wohnte darin. Selbstverständlich mußte ich sie begrüßen. Ich nahm mir vor, es später nachzuholen, wandte mich ab und stieg die steile, grasbewachsene Böschung hinauf. Oben überquerte ich eine schmale Straße und öffnete die Gartenpforte zur Rückseite der Villa.  Ich klopfte an die Tür zur Küche. Eine unbekannte Frau mit slawischen Gesichtszügen öffnete.
„Ich bin ein Freund von Marius“, begann ich. „War lange nicht hier. Darf ich durchgehen zum Wohnzimmer? Ich kenne den Weg.“
Die Haushaltshilfe ließ mich tatsächlich passieren.
Die Flure in dieser Villa, die ich als großzügig und weitläufig in Erinnerung hatte, kamen mir eng und verwinkelt vor. Plötzlich hatte ich mich verlaufen. Eine Tür, die ich öffnete, führte in einen Wandschrank.
Aber daß die Treppe nach oben zum Zimmer von Marius führte – das wußte ich natürlich noch.
Langsam ging ich hinauf, bereit umzukehren. Was konnte ich sagen, wenn jemand mich überraschte?
In dem Jahr seit meinem Ausscheiden bei der Polizei hatte Marius wieder eine große Rolle in meinem Leben gespielt. Die APO, die  Außerparlamentarische Opposition, war mein neuer sozialer Ort. Marius war einer der bekanntesten Sprecher des SDS. Er war mit Dorthe Bichler und der üblichen Entourage von Anhängern, Schülern und Trittbrettfahrern aus Frankfurt gekommen und präsidierte dem großen runden Stammtisch in Tante Mädis Kneipe. Gottlieb als Chef unseres örtlichen SDS stellte mich vor: „Olaf Bork – vor kurzem noch im Staatsschutzkommissariat der Kriminaldirektion, inzwischen ausgeschieden und freischwebend. Er berät uns in taktischen Fragen. Wie wir uns bei Demos verhalten, was die Bullen machen dürfen und wie wir sie rechtlich packen können, wenn sie sich nicht an die Vorschriften halten.“
Marius erwähnte mit keiner Silbe unsere gemeinsame Kindheit. Befürchtete er Eifersüchteleien bei denen, die ihn noch nicht so lange kannten?
„Deine Demo-Besprechungen in der Presse sind sehr wertvoll. Vielleicht kann man Groß-Demos heute nur noch so beschreiben, daß man sie rezensiert.  Das sind nicht bloß Machtptoben, wir gegen den Staat. Das sind auch Co-Produktionen fürs Fernsehen, Abteilung Unterhaltung. Wir und die Staatsmacht. Hab was draus gelernt. Sehr wertvoll“, wiederholte er.
Alles entspannte sich. Der Initiationsritus war beendet und ich in den Kreis der Rebellen aufgenommen. Meine Karriere beim polizeilichen Staatsschutz stellte keinen Makel mehr dar. Im Gegenteil: Sogar Bullen laufen schon zu uns über.
Zuletzt waren Becky und ich über die Weihnachtsfeiertage mit ihm zusammen gewesen. Wir hatten ihn mit Faermann und Van Zeudern diskutieren hören, dem Professor und dem Innenminister. Die Erinnerung überfiel mich mit Macht, als ich die Treppe zu seinem Jungendzimmer hinaufging.
Ich werde nimmer seinesgleichen sehn. Das war meine Stimmung in dieser Villa. Aber sie roch fremd. Ich hatte hier nichts mehr zu suchen.
„Marius!“ rief ich – mit verhaltener Stimme wie früher, wenn auf die Mittagsruhe Rücksicht zu nehmen war. „Kommst du zum Baden?“
Mein Freund, elf Jahre alt, trat mir aus seinem Zimmer entgegen. Er hatte eine bunte Rolle aus Handtuch und Badehose unterm Arm und schwenkte freudig ein Romanheft über dem Kopf.
Ich war dreißig und mußte es besser wissen. Trotzdem streckte ich meine Hand nach dem Kind aus.

5. In Behandlung
Schräg hinter mir saß in einem geräumigen Ohrensessel Dr. Hermann Woorth, grauer Backenbart, graues Haar, graue Büschel in den Ohren.
„Es war also gar kein Beileidsbesuch bei den Eltern“, meinte er.
Woorth hatte zwei Kissen, ein weißes und ein schwarzes. An das weiße lehnte er den Kopf, auf das schwarze stützte er seinen Arm – beim Schreiben, denn er machte keine Bandaufnahme, sondern protokollierte die Sitzungen mit der Füllfeder.
„Selbstverständlich hab ich den Eltern mein Beileid ausgedrückt. Bei der Beerdigung ist es nicht möglich gewesen. Zuviele Leute. Ich mußte das nachholen.“
„Aber in Ihrem tiefsten Innern haben Sie den Sohn besucht und nicht die Eltern. Sie wollten ihn zum Baden abholen.“
„Ist zu früh im Jahr, das Freibad ist noch geschlossen.“
„Es ist zu spät. Marius ist tot.“
„Für mich lebt er.“
„Wie geht es Ihnen jetzt?“
„Hammer im Kopf.“
„Und als Sie von dem Unfall erfuhren? Möchten Sie darüber sprechen?“
Ich war mit vollen Einkaufstüten heim gekommen. Eine Flasche Blanc des Blancs wanderte in den Kühlschrank. Mehrere Sorten Käse legte ich dekorativ unter einen Glassturz. Zwei Baguettes stellte ich aufrecht, wie Blumen, in eine bemalte Kanne, und richtige Blumen auf den Tisch im Esszimmer.  Becky kam von einer zweiwöchigen Fortbildung zurück. Ich war begierig, unser Wiedersehen nach den vierzehn Tagen zu feiern.
Der Zug aus Frankfurt fuhr ein.
Es war ein schöner, eindringlicher Moment, als die Menge der ausgestiegenen Fahrgäste sich vor mir lichtete und ich zwei junge Frauen bei ihren Koffern und Taschen stehen sah, neben meiner brünetten Becky die blonde Frankfurterin Edda Velbert.  Daß sie Becky auf der Reise Gesellschaft geleistet hatte, war eine angenehme Überraschung.
Beckys nußbraune Augen flammten auf, und ihr Gesicht wurde bleich, als sie mich nach den zwei Wochen wiedersah. Eddas blaue Augen leuchteten im rosig angehauchten Porzellangesicht, der Frühlingswind bewegte ihre blonden Locken.
Ich war von dem Bild bezaubert und blieb kurz stehen, um es zu genießen.
Ich strahlte vor Freude, als ich sie begrüßte.
Edda sagte: „Du weißt es noch nicht. Marius ist tot.“
Auf der Couch in Dr. Woorths Praxis erinnerte ich mich genau an  die Antwort, die ich gegeben hatte, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern.
„Dann brennt Frankfurt heute nacht. Jetzt kämpfen wir. Das lasse ich mir nicht gefallen. Kam spontan aus mir raus, ich hab nicht überlegt.“
„Sie dachten, Ihr Freund sei ... einem Attentat zum Opfer gefallen?“
„Und daß wir seinen Tod rächen würden.“
Er wartete.
Ich wußte nichts weiter zu bemerken.
„Was haben Sie mit Ihrem Zorn gemacht, wo ist er geblieben?“
„Hat sich erübrigt. Niemand ist schuld. Es war ein Unfall.“
„Dann brennt Frankfurt heute nacht.“
„Was soll ich noch damit?“
„Wie geht es Ihnen jetzt?“
„Der Hammer wütet. Und die verfluchten Schwindelgefühle wieder. Ich werde auf Ihrer Couch seekrank.“
Ich wollte zur Toilette laufen.
Woorth sprang mit überraschender Behendigkeit auf und umklammerte mich. „Ihre Wut sollen Sie auskotzen! Mit Ihrem Abendbrot kann ich nichts anfangen!“ Er schüttelte mich. „Hm? Hm?“
„Ich wollte den Kampf“, fiel mir endlich ein.  „Aber der Kampf wollte mich nicht.“
 

6. Der alte Kreis
Dirk rief aus seinem Büro im Landesamt an: Er fahre jetzt los.
Er muß zügig durchgekommen sein, denn schon kurz darauf – wie mir schien – hielt er seinen Porsche vor dem Altbau an, in dem Becky und ich eine obere Etage bewohnten. Er winkte zum offenen Fenster herauf. Dort erwartete ich ihn zusammen mit Götz Bollert.
Wir begrüßten uns mit Umarmung und wechselten die üblichen Floskeln. Auf der robusten Auslegeware des mir vorbehaltenen Zimmers rollte ich einen Bogen Millimeterpapier aus. Götz und Dirk halfen, indem sie die Ecken fixierten. Auf dem Papier hatte ich maßstabsgerecht die leichte Rechtskurve eingezeichnet, in der Marius verunglückt war.
„Wie auf der Polizeischule“, lobte Dirk.
„Das verlernt sich nicht.“ Ich setzte Streichholzschachteln als Modelle der am Unfall beteiligten Autos ein.
Götz kam mit einer Flasche Danziger Goldwasser und Gläschen.
Ich wartete, bis er sich niedergehockt hatte. „Es geht um den angeblichen Unfalltod von Marius Kamp.“
„...den angeblichen?!“ Mit einer erschrockenen Bewegung stellte Götz die Schnapsflasche weg.
„Es war unbedingt und unbezweifelbar außer den drei im Polizeibericht erwähnten Fahrzeugen ein viertes vor Ort! Weit vor dem Geschehen.“ Ich setzte eine vierte Streichholzschachtel vor den Beginn der Rechtskurve.
Götz fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. „Es sind aufgelistet – der VW Käfer, gesteuert von Kamps Adoptivschwester Dorthe Bichler, Marius Kamp war Beifahrer, er saß vorn neben ihr. Dann der entgegenkommende Lkw, mit dem sie kollidiert sind.“ Er setzte statt der von mir platzierten Streichholzschachtel eine Zigarettenschachtel für den Lkw ein. „Am Steuer des Lkw saß ein Berufsfahrer. Er wachte mit Schädeltrauma im  Krankenhaus auf. Muß sich den Keks böse angeknackst haben. Dann Nummer drei, der Lieferwagen vom Bäckermeister, der von der Feuerwehrübung heimkam.“
Dirk folgte dem Beispiel von Götz und setzte eine weitere (seine) Zigarettenpackung an die Stelle der von mir hingestellten  Streichholzschachtel. Damit führte er die Größe des Lieferwagens, den der Bäcker gefahren hatte, gegenüber dem kleinen VW von Marius vor Augen.
„Der Bäcker hat Kamp überfahren. Er ist voll geständig und bereit, sich zu verantworten“, schloß Götz.
Ein junger Bäckermeister in der Uniform der Freiwilligen Feuerwehr. Es war leicht sich in ihn einzufühlen. Der Regen kommt dicht herunter, die Scheibenwischer werden kaum damit fertig. Nur schemenhaft sieht der entsetzte junge Mann eine Gestalt auf der Fahrbahn. Halt!, signalisiert die erhobene Hand.
Aber der Lieferwagen verträgt keine Vollbremsung, er schliddert und stellt sich schräg und rutscht weg bis zum Straßenrand.
Der Bäcker hört den Zusammenprall. Er steigt aus. Er steht unter Schock, sieht und hört nichts mehr, ringt nach Luft, hilflos vor Bestürzung.
Von der Unfallstelle her kommt in knallgelbem Ostfriesennerz Dorthe Bichler gerannt. Der Bäcker deutet, immer noch sprachlos, auf die Gestalt im hellen Parka, die reglos auf der Fahrbahn liegt.
Dorthe rennt hin. Sie kniet im Regen nieder und zieht den Kopf von Marius auf ihren Schoß.
Der Bäcker ruft: „Weg von der Straße! Zu gefährlich. Kann jemand kommen!“ Aber seine Stimme versagt und ist kaum zu hören.
Gemeinsam tragen sie Marius zu dem fast unbeschädigten Lieferwagen und betten ihn auf die Sitze.
Sie breiten eine Decke über ihn.
So faßte Götz Bollert den Polizeibericht zusammen.
„Anschließend kamen natürlich die Rettungswagen“, sagte Dirk. „Aber die meint Olaf nicht, wenn er von einem weiterem Fahrzeug spricht.“
„Wo in dem Unfallszenario finde ich die Verfassungsschützer, die vor dem Bäckermeister dort waren? Sie sind Marius gefolgt. Auch wenn er nur pinkeln ging.“
Götz holte Mineralwasser und schenkte uns allen ein.
  „Wir haben ja kaum genug Leute, um dich im Auge zu behalten!“ witzelte Dirk, nachdem er einen Schluck genommen hatte.
„Es waren Kollegen von dir.“
„Undenkbar.“
Ich sah ihn an.
„Olaf, meine Stellenbeschreibung sieht so etwas nicht vor.“
„Er macht das nicht selbst“, erläuterte Götz.
„Das ist mir klar. Und weil es vorsorgliche Ausforschung ist und nicht Teil einer Ermittlung, können es auch keine polizeilichen Staatsschützer gewesen sein. Wer also? Untere Chargen des Landesamts... Spitzel womöglich?“
Jetzt waren es meine Freunde, die schwiegen.
„Wie heißen bei euch die Anfänger, Dirk? Inspektoren zur Ausbildung? Zwei von ihnen, weil das nie einer alleine macht, hocken in ihrer Dienstkutsche.“ Ich deutete auf die Streichholzschachtel, die ich vor Beginn der Rechtskurve auf die Skizze gesetzt hatte. Jetzt führte ich sie nach vorn, dem Unfallgeschehen zu. „Sie fahren mit ungefähr hundert, hundertzehn durch peitschenden Regen. Unvermittelt, von einer Sekunde zur andern, wankt ihnen auf nassem Asphalt eine menschliche Gestalt entgegen. Sie bremsen entsetzt  ab ... Da erkennen sie im Licht ihrer Scheinwerfer Marius Kamp. Er war gerade erst dem kollidierten VW entstiegen und auf der Suche nach Hilfe. Wie reagieren deine... egal wie sie heißen, deine Agenten?“
„Nach den Schüssen auf Dutschke hätte es im wohlverstandenen Staatsinteresse gelegen, Kamp sofort in Sicherheit zu bringen. Bloß nicht noch ein toter Studentensprecher!“
„Sie hätten sich nicht mal enttarnen müssen“, merkte Götz an. „Sie konnten als normale Privatpersonen anhalten und ihn einsammeln.“
„Ihr geht jetzt davon aus, daß solche Leute anständige Menschen sind und ein politisches Bewußtsein haben, das im weitesten Sinn als normal bezeichnet werden kann. Ist das realistisch? In unserem Beruf ist reaktionäre und sogar faschistische Gesinnung überrepräsentiert, sogar auf den Führungsebenen.“
„Das hat gesessen“, sagte Dirk. Er holte tief Atem. „Ist mir wie ein Messer in den Bauch gefahren.“
„Regen prasselt, man sieht im Scheinwerferlicht kaum zwanzig Meter weit. Zwei Faschos hinter den Scheibenwischern haben auf einmal Kamp vor der Motorhaube, Marius Kamp. Und nur einen Blitzschlag lang Zeit zu überlegen. Ihr Haß auf ihn und auf alles, was er verkörpert, gehört zu ihrer mentalen Grundausstattung. Sie nieten ihn um. Hauen ab und lassen ihn liegen. Für den Bäcker.“
Ich rollte die Skizze zusammen, und wir zogen von meinem Arbeitsraum ins Eßzimmer um. Dort setzten wir uns an den Tisch.
Ich wartete.
Dirk schien in sich hineinzuhorchen.
„Wir haben schon lang keinen Skat mehr gedroschen“, sagte Götz.
„Du weißt, wo die Karten liegen.“
Zur üblichen Zeit hörte ich Becky heimkommen.
„Hallo ihr, wie schön! Der alte Kreis wieder einmal vereint!“ Sie verteilte Küßchen. „Gibt’s einen Anlass? Hat jemand Geburtstag?“
„Ich hatte das Bedürfnis, über den ...naja, seltsamen Unfalltod von Marius zu reden.“
Becky verschwand, um sich umzuziehen, und erschien kurz darauf in ihrem Hausanzug. Ich servierte die kalte Platte, die ich vorbereitet hatte.
Götz brachte Gläser und Bier, Dirk rechnete unsere Skatpartie ab.
„Wer gewinnt?“ wollte Becky wissen.
Dirk hob den Zeigefinger und grinste.
„Vor seinem Tod hat Becky ihn noch in Marburg sprechen hören“, sagte ich.
„Über Semiotik, oder sagt man Semiologie? Ich hab nur die Hälfte kapiert. Nach vierzehn Tagen Fortbildung im Taunus war ich todmüde. Echt Marius übrigens.  Während schon der bewaffnete Kampf gefordert wird,  spricht er über die Zeichenhaftigkeit materieller Phänomene und ihre Aufladung mit Bedeutung durch uns, die darüber sprechen, statt damit umzugehen... Oder so ähnlich. Gegen elf brach er dann zu seiner letzten Autofahrt auf. Ich fuhr nach Frankfurt und hab dort übernachtet. Erst beim Frühstück hab ich es gehört. Von Edda. Sie wurde angerufen. Bevor wir den Zug nach Hause nahmen.“
„Du hast einen Liebhaber in Frankfurt, bei dem du schlafen kannst?“ scherzte Dirk.
„Ich hab leider bloß bei einer Bekannten von Olaf übernachten können. Aber du bringst mich da auf einen Gedanken“, gagte Becky zurück.
„Edda Velbert, ihr kennt sie nicht. Oder vielleicht doch, sie moderiert Kulturbeiträge im Fernsehen.“
„Einen Ausschnitt der Marbacher Rede hab ich mitbekommen“, fiel Dirk ein. „In der Tagesschau? Nein, es war ein Nachruf in einem Magazin. Vielleicht sogar von eurer Edda? Semiotik kommt mir wie Mathe vor, nur nicht mit Zahlen, mit Wörtern.“
„Die Kamera täuscht“, sagte Becky. „Sie verwandelt Marius in einen stabilen Typen. In Wirklichkeit war er zart. Er wirkte...“ Becky suchte das richtige Wort: „schutzbedürftig.“
 

7. Die Neffen
Es war für Dirk damals kein Problem, leerstehende oder unfertige Wohnungen für konspirative Treffs zu organisieren. Sein Schwiegervater hielt genügend umbauten Raum auf Halde: Bernd Keck, Chef einer Holding von Baufirmen.  Diesmal war es ein Rohbau am Stadtrand.
Dirk fuhr in seinem Porsche vor. Hinter einer Rostlaube von Ford parkte er ein.
Zwischen nackten Wänden erwarteten ihn zwei Spitzel. Dirk reichte ihnen die Hand.
Neffe eins war lang aufgeschossen, dünn, gescheit und ehrgeizig, dabei streßresistent, ruhig und gefaßt, mit John-Lennon-Brille.
Neffe zwei war klein und schmächtig, hypernervös, vor Angst beinah außer sich und vergeblich bemüht, es zu verbergen.
Sie konferierten im Stehen.
„Der Polizeibericht über Marius Kamps Unfall ist auf meinem Schreibtisch gelandet. Ihr seid nicht vermerkt.“
Neffe eins führte das Wort: „Ich warte schon die ganze Zeit, daß das mal jemand merkt und danke sagt.“
„Das war unterlassene Hilfeleistung!“
„Hätten wir anhalten und auf die Polizei warten sollen?“
Neffe zwei lamentierte, wie gewöhnlich. „Es ist alles so schnell gegangen! Da kann man nicht überlegen!“
Die Neffen widersprachen sich mehrfach, berichteten aber übereinstimmend von einer Gestalt in hellem Parka und einem Opel, der auf diese Gestalt zugefahren sei. Der Opel sei dann um die Rechtsbiegung der Straße verschwunden.
 „Was für ein Opel?“
„Zwischen uns und dem VW fuhr die ganze Zeit ein Rekord.“
„Habt ihr das Kennzeichen?“
 „Frankfurter Nummer.“ Neffe eins reichte ihm einen Zettel.
„Und Kamp?“
„Der lag vor uns auf der Fahrbahn. Wollte sich aufrappeln. Zu deutsch“, faßte Neffe eins zusammen, „der Opel hat Kamp auf den Kühler genommen und auf unsere Fahrbahn geworfen, wir knallten voll in ihn rein!“
Neffe zwei mischte sich ein, seine Stimme verriet Panik: „Ich will noch das Steuer rumreißen und ausweichen...“
„Ich hielt voll drauf“, ging Neffe eins dazwischen.
„Es war ein Kampf ums Steuer!“, winselte Neffe zwei.
„Eine Gelegenheit war es“, widersprach sein Freund selbstzufrieden.
„Und dann dieses Geräusch, o Gott!“
„Er hat uns bekämpft, ja? Umgekehrt hätte er es genauso gemacht. Oder hätte er uns geschont?“
Stunden später lag Dirk mit offenen Augen neben seiner Frau im Bett. Schließlich gab er es auf, Schlaf finden zu wollen. Leise, um Sonja nicht zu stören, ging er in die Küche und sah sich nach etwas Nahrhaftem um. Essen beruhigt. Er füllte eine Schale mit Cornflakes und goß Milch darüber.
„Is’n los?“ fragte Sonja. Sie kam heraus. Ihr Haar, das in kupferbraunen Locken über das weißseidene Oberteil des Pyjamas fiel, sprühte Lichtblitze auf eine Ikone, unter der sie stand.
Der Gegensatz zwischen Sonjas Schmollmiene und dem zeichenhaften Marienantlitz brachte Dirk zum Lächeln.
„Als ich ins Landesamt wechselte, hab ich meinen Traumjob bekommen. Daß ich da öfters nachts wach liege und vor Angst schwitze, wußte ich vorher. Dafür werde ich bezahlt.“
Olafs Stimme hallte in seinem Kopf wider.
Ihr Haß auf ihn und auf alles, was er verkörpert...  Sie nieten ihn um.