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| "Rumpelstilzchen"
"Was sich Berlin erzählt"
Dom-Verlag / Berlin, 1922
Glossen 13 - 15
Die radikalrote Presse der Reichshauptstadt ist selig über einen Zeitschriftartikel des "Gesandten a.D." Dr. Kurt Riezler, in dem General Ludendorff als der eigentliche Verderber des kaiserlichen Deutschlands dargestellt wird, als ein Mann von grenzenloser Einbildung, aber ohne Bildung, ohne Charakter, ohne Talent, ohne Wahrheitsliebe. Das Organ der Unabhängigen Sozialdemokratie ist von dem Artikel so begeistert, daß es beantragt, er solle auf Reichskosten in sämtlichen deutschen Gemeinden angeschlagen werden. Wer lacht da? Oder vielmehr: Wer lacht da nicht? Unsere Generalstäbler pflegten früher einigermaßen gesiebt zu werden. Wenn der bürgerliche Oberstleutnant Ludendorff zum Chef der Operationsabteilung gemacht wurde, so mußte doch wohl was an ihm dran sein; ein Genie und ein Charakter, wie der Graf Schlieffen es war, hatte ein Auge auf ihn geworfen. Daß Lüttich in wenigen Tagen fiel und ein Erschauern über deutsche Kriegskunst durch alle Erdteile ging, das war Ludendorffs Werk; er bekam damals den Pour le mérite, bevor er noch das Eiserne Kreuz hatte. Und dann Tannenberg und die Masurenschlacht und das ganze große "deutsche Wunder" dieser 41/2 Jahre - zu dessen Beurteilung wird die kommende Geschichtschreibung kaum Herrn Riezler heranziehen. Dank den Millionen seines Schwiegervaters Max Liebermann spielt Riezler in gewissen Berliner Gesellschaftskreisen allerdings als "geistvoller Plauderer" eine große Rolle. Er selbst ist feminin und wird nicht nur von seiner Gattin, sondern auch von Frau Dr. Schiff, geborenen Hirschfeld, einer Stimmungs-Sozialdemokratin der wohlhabenden Schicht, lanciert. Er gehört mit Haut und Haar zu unseren Internationalisten. Wie das alles versippt, verfranst, verschlungen, vertörnt ist miteinander, darüber könnte man einen dicken Materialband herausgeben. Dieser neudeutsche Rattenkönig ist stellenweise erheiternd, stellenweise widerwärtig. Kurt Riezler selbst hat nur ein ganz kleines Rattenwickelschwänzchen; es gibt viele Größere in Israel. Ursprünglich Journalist, wurde er von Geheimrat Dr. Hammann als blutjunger Mensch ins Auswärtige Amt geschoben. Da machte er in Völkerversöhnung und Weltabrüstung schon vor dem Kriege, schrieb unter dem Decknamen "Ruedorffer" das dümmste Buch des Jahrhunderts über Politik, war während des Krieges Legationsrat in Stockholm, dann Botschaftsrat in Moskau und nach der Revolution, bis November 1919, Kabinettsleiter bei dem Reichspräsidenten Fritz Ebert. Seither "lebt er seinen Neigungen", hat aber, da er noch nicht einmal das Schwabenalter erreicht hat und doch schon Millionär und Wirklicher Legationsrat ist, mit dem Leben natürlich noch nicht abgeschlossen und bringt sich nun durch den Artikel gegen Ludendorff wieder in empfehlende Erinnerung. In Berlin laufen noch manche
Leute seiner Sorte herum. Mit ihrem Namen werden sie nicht neben und nach
Ludendorff in die Geschichtsbücher kommen. Das ganze Gewimmel wird
mit wenigen Worten abgetan werden; könnten diese Leute das schon heute
lesen, so würde sie selbstverständlich die Gelbsucht lackieren.
Kurt Riezlers Tagebuch und Akten des Auswärtigen Amtes Exposé für die russische Revolution von Alexander Helphand Parvus Der Streit um Riezlers Tagebücher |