Interview mit Michael Molsner
Duisburg, im Juni 2006
Der Schriftsteller Michael Molsner, geb. 1939 in Stuttgart, arbeitete
zunächst als Gerichtsreporter und Redakteur. Seit den Siebziger Jahren
machte er sich einen Namen als Autor sozialkritischer und stilistisch gehobener
Kriminalromane. Gemeinsam mit Friedhelm Werremeier und Irene Rodrian gehört
er zu den Größen des Genres im deutschsprachigen Raum. Darüber
hinaus hat Michael Molsner Fernseh-Drehbücher verfasst. Sein Erstling
für die Tatort-Reihe der ARD, Tote brauchen keine Wohnung, wurde 1973
unter der Regie von Wolfgang Staudte in München verfilmt und führte
zu wütenden Protesten der angegriffenen Immobilienbesitzer. Neben
Gustl Bayrhammer als Inspektor Veigl spielten Walter Sedlmayr, Helmut Fischer,
Lisa Fitz u.a.m. 1980 erschien eine Romanfassung des Stoffes.
I
Frage: Nach Staudtes Zeit beim Fernsehen wird im Allgemeinen recht wenig gefragt. Uns interessiert, wie wir ihn uns menschlich vorzustellen haben in einer Lebensphase, als er nach dem finanziellen Desaster mit "Heimlichkeiten" seine Möglichkeiten als Kinoregisseur verspielt hatte und gezwungen war, für den Broterwerb Fernsehregie zu machen. Was war aus ihm geworden? Man kann sich da ja vieles vorstellen. Irgendwas zwischen Großkotz und Asket, zwischen Bonvivant und verbittertem Rumpelstilzchen…
Michael Molsner: (lacht) Mit einem verbitterten Rumpelstilzchen jedenfalls hatte er gar nichts gemein. Charakteristisch für Staudte finde ich, dass er frei sein wollte. Deswegen kam er von der DEFA in den Westen: weil er dort künstlerisch unter Kuratel stand, im Falle seiner Mutter Courage unter derjenigen von Helene Weigel. Mit dem Ergebnis, dass er dann im Westen gleich wieder eine Zensur erfahren musste. Zumindest beim Bayerischen Rundfunk hat er sich dieser Zensur aber als Gentleman erwehrt, das kann man nicht anders sagen.
Frage: Sie sagen Gentleman ?
Michael Molsner: Ja, das war er, er war ein Gentleman in Jeans.
Sie wissen besser als ich, oder sollten es wissen, wie alt er war,
als ich ihn traf, das war - rechnen wir mal nach - 1971, da war er fünfundsechzig.
Also ungefähr so alt wie ich jetzt.
Er war ungemein souverän, nicht so lässig wie ich bin, oder
glaube, dass ich es bin, sondern eher distanziert. Nicht etwa unfreundlich,
das meine ich nicht. Sondern so, wie es jemand ist, der stets mit vielen
Menschen umzugehen hat, und der immer eine gewisse Distance wahrt.
Frage: Kein Mann des Small Talk ?
Michael Molsner: Seine Fragen waren punktgenau, präzise. Er stellte
auch ziemlich persönliche Fragen, aber auf eine Art, dass man kaum
das Gefühl hatte, er sei indiskret. So fragte er mich zum Beispiel
als allererstes: Ich habe gehört, Sie wohnen in Hannover. Wie kann
man in Hannover wohnen? Haben Sie ein Haus dort? Haben sie geerbt? - Ich
sagte nein, nein, das hat andere Gründe. Und als ich dann sagte, dass
ich dort in der linken Szene sei, dass ich der Pressesprecher des SDS in
Hannover sei, und dass Hannover ein Brennpunkt der linken Aktivität
sei, da hörte er sich das, was ich ihm erzählte, außerordentlich
interessiert an. Er würdigte mein Engagement, meinen Stolz auf das,
was wir erreichten. Ich erinnere mich noch an den Tonfall, in dem er sagte:
Das kann ich gut verstehen!
Das war so lieb, wie er das sagte! Wie ein Vater das zu seinem Sohn
hätte sagen können. Aber es klang auch noch etwas anderes mit,
eine Einstellung, über die ich dann zunächst sehr erschrocken
bin, als ich sie im fertigen Tatort sah. Stichwort Kehrmaschine, vielleicht
kommen wir darauf zurück.
II
Frage: Wir haben bei der Recherche zu diesem Interview zuerst Ihre Romanfassung gelesen, und erst später den Film gesehen. Und da gab es im Roman einige Metaphern, bei denen ich gespannt war, wie Staudte sie filmisch umsetzen würde. Dieses furchtbare Gebäude etwa, die Pyramide, oder der Gegensatz zwischen dem Buffet auf der Veranstaltung der High Society und demjenigen auf der Mieterversammlung. Ich glaubte darin beim Lesen Staudte-Ideen wiederzuerkennen. Aber die Bilder sind im Film gar nicht drin.
Michael Molsner: Den Roman habe ich erst später geschrieben. Das Drehbuch ist ein Originaldrehbuch. Jahre später, als ich die Möglichkeit hatte, für den Heyne Verlag Kriminalromane zu schreiben, habe ich auf diesen Stoff zurückgegriffen, weil da viel eigene Lebensgeschichte drinsteckt. Und die lässt sich gut erzählen.
Frage: Wie kam es denn zu dem Drehbuch? Wussten Sie von Anfang an, dass Staudte es verfilmen würde? Oder war es ein Auftrag?
Michael Molsner: Das war eine Auftragsarbeit. Ich hatte Kriminalromane
veröffentlicht, bei Rowohlt und auch im Fischer Taschenbuchverlag.
Die hatten einige Beachtung gefunden, und so rief der Bayerische Rundfunk
an und fragte, ob ich nicht eine Tatort- Folge schreiben wollte. Ich hatte
schon Lust dazu, und die sagten, dann solle ich ein Thema vorschlagen.
Nun liefen gerade diese Sanierungsdemos in München. Leute wehrten
sich dagegen, aus ihren Wohnungen im Lehel vertrieben zu werden. Dort hatte
ich jahrelang als Kind mit meiner Mutter gewohnt. Und mit vielen Künstlern
zusammen.
Ich erinnerte mich an all meine Erlebnisse dort, und ich konnte mir
natürlich gut vorstellen, wie arg das für die Leute war, da raus
zu müssen, denn das war so ein gewachsener Kiez. Also habe ich dem
Bayerischen Rundfunk vorgeschlagen, in diesem Milieu eine Kriminalhandlung
anzusiedeln. Dass jemand sich durch ein Verbrechen wehrt. Und zwar eben
nicht ein Erwachsener, der einsieht, dass das keinen Sinn hätte, sondern
ein Kind, das stellvertretend für die Erwachsenen handelt. Das hatte
ich als Kind auch mal gemacht, für meinen Großvater, jaja.
Die vom Bayerischen Rundfunk waren mit meinem Exposé einverstanden,
ich schrieb das Drehbuch. Und das haben sie dann an Staudte geschickt.
Als ich davon erfuhr, habe ich mir sehr gewünscht, dass das klappt.
Und ein paar Wochen später hieß es dann tatsächlich, dass
Staudte zugesagt habe. Er wollte es machen, es interessierte ihn.
Frage: Was wussten Sie über Staudte ?
Michael Molsner: Merkwürdigerweise hatte ich ja als allererstes
den Schauspieler Karl-Heinz Deickert kennengelernt, der eine tragende Rolle
in "Rotation" gespielt hatte. Und der hat damals, bestimmt 10 Jahre nach
Rotation, immer noch gerne und begeistert von Staudte erzählt.
Später sah ich Der Untertan, das hatte ja jeder gesehen. Rotation
hatte ich irgendwann gesehen. Natürlich kannte ich Rosen für
den Staatsanwalt. Und der Name Staudte war bekannt. Das war einfach ein
großer Name. Es gab nur zwei große Namen im deutschen Film.
Der eine war Helmut Käutner und der andere war Wolfgang Staudte.
Und als es dann hieß, Staudte führt Regie mit meinem Drehbuch!
Ich bekam schon auch ein bisschen Angst, dass der jetzt anfangen würde
rumzumosern…
III
Michael Molsner: …und dann haben die mich nach München kommen lassen,
weil Staudte mit mir sprechen wollte.
Ich fuhr also runter und hatte einigermaßen Bammel, weil ich
ja doch ein junger Autor war, ein junger Mann, ein junger Linker. Und er
war ein berühmter Mann, eine Ikone eigentlich schon. Und ich wusste
natürlich, dass er mit Brecht gearbeitet hatte oder mit Brechtschen
Stoffen. Ich wusste auch, dass er dabei mit der Weigel über Kreuz
gekommen
war… Das alles war sehr beeindruckend.
Frage: Wie verlief Ihre Begegnung mit Staudte ?
Michael Molsner: Ich wurde ins Arabella bestellt. Das ist ein riesengroßes
Appartement-Haus am Hochufer der Isar, am Rande von Bogenhausen, und da
kann man eine Suite mit Kochnische usw. mieten. Da mieteten sich auch Regisseure
zum Wohnen ein, die von auswärts kamen und mehrere Wochen in der Gegend
drehten.
Ich hatte mich unten angemeldet, bin mit dem Fahrstuhl hinaufgefahren
in den fünften Stock oder so, ging den langen Gang entlang, drückte
auf die Klingel, und da stand auch schon der Staudte. Ein sehniger, schlanker,
braungebrannter, sehr gut aussehender Mann, elegante Jeans mit Jeansjacke,
T-Shirt, jugendlich wirkend. Nur dass man dem Gesicht natürlich ansah,
dass er kein Jugendlicher mehr war.
Er sagte distanziert, lächelnd, freundlich: Schön, dass Sie
da sind. Wir wollen zusammen auf Location fahren. Ich möchte mir die
Orte anschauen, die Sie beschreiben. Ich möchte wissen, wo die Handlung
spielt.
- Na ja, kein Problem. Ich hab da selbst gewohnt. Ich kenne mich da
bestens aus.
- Toll, sagt er, gut, dann können wir gehen. Und dann ging er
zu einer Tür, machte sie auf und sagte, komm jetzt bitte, wir gehen.
Es erschien ein schlankes, wunderschönes blondes Mädchen
von siebzehn, höchstens achtzehn Jahren, die zwei große, weiße
Windspiele an der Leine führte. Ihr blondes Haar reichte bis zur Hüfte.
Eine Marina-Vlady-Frisur.
Wir fuhren den Lift runter, sprachen wenig, und da war ein riesiges,
weißes Cabriolet. Ich habe mich heute noch mal zu erinnern versucht,
vielleicht ein Rolls-Royce. Die Windspiele und die junge Dame setzten sich
nach hinten, ich setzte mich vorn neben Staudte, und dann fuhren wir in
die von den Demos und von langer Vernutzung entstellten Straßen.
Slum wäre zuviel gesagt. Es war kein Slum.
Frage: Das war aber eigentlich ein Schock für einen jungen Linken, oder? Als der „Brecht-Regisseur“ sich so aufführte?
Michael Molsner: Ja. Vollkommen richtig. Ich hatte Schwierigkeiten,
meine Vorstellungen von einem Honoratioren-Genossen, von einer linken Ikone
mit diesem Auftreten zusammenzubringen. Bei späterer Gelegenheit,
als ich die Geschichte einem Produzenten erzählte, sah der mich etwas
verwundert an und fragte: „Wieso? Das war ein berühmter Regisseur,
und ein berühmter Regisseur inszeniert sich als berühmter Regisseur!
Was haben Sie erwartet? Er war ein Star! Und als Star hat er sich gezeigt.“
Heute stimme ich zu, auch innerlich. Aber damals hat es mich verwirrt.
Ich habe dieser Verwirrung aber keinen Ausdruck verliehen. Dazu hatte ich
zuviel Respekt.
Während unserer Tour erzählte ich ihm, was sich im Lehel
so alles abgespielt hatte. Von der Gegenwehr gegen die Sanierungspläne
erzählte ich, und wie die Vermieter die Wohnblocks hatten kaputtwohnen
lassen; mit Absicht, um die Mieter zum Auszug zu zwingen.
Ich zeigte ihm, was sich wo zugetragen hatte, und fragte dann doch:
Jetzt weiß ich nicht recht, wie das gehen soll mit dem Film. Wollen
Sie das alles nachbauen lassen? - Nein, sagte er, das drehe ich an unterschiedlichen
Locations, und dann schneidet man das passend zusammen. Das ist kein Problem.
Heute weiß ich, dass er meine Frage sehr naiv gefunden haben
muss! Ich war in Bezug auf Filmarbeit tatsächlich sehr naiv, denn
das war mein erstes Drehbuch.
Die Dreharbeiten verliefen dann ohne mich.
Frage: Wie lange dauerte dieses Treffen mit Staudte?
Michael Molsner: Mehrere Stunden. Wir fuhren überall hin.
Und er wollte auch etwas über mich wissen. Ich erzählte ihm
also quasi meine Lebensgeschichte, so ein bisschen. Und ich erzählte
auch von meinem Engagement in Hannover, und dass wir dort einen der großen
Triumphe der Studentenbewegung gefeiert hätten. Herbert Marcuse sagte
über
unsere Rote-Punkt-Aktion, Paris, Pirelli und Hannover seien die drei großen
Höhepunkte der linken Bewegung gewesen.
Staudte hörte sich das alles freundlich, sehr verständnisvoll
und sehr zustimmend an.
Frage: War er interessiert ?
Michael Molsner: Sehr interessiert! Aber überhaupt nicht propagandistisch.
Also er hat nicht gesagt: Jungs, jetzt geht ran! Macht Feuer! Stürmt
die Stadtverwaltung! (lacht)
Dazu war er viel zu erfahren, zu abgeklärt. Aber nicht minder
engagiert. Das ist etwas ganz anderes.
Frage: Und hat er Sie auch fragen lassen?
Michael Molsner: Ja.
Frage: Was hat Sie interessiert?
Michael Molsner: Mich hat interessiert, warum er aus der DDR weggegangen
ist. Und er hat geantwortet, es sei wegen Mutter Courage gewesen und dass
er eigentlich contre coeur weggegangen sei. Aber es sei nicht zu machen
gewesen. Er habe alles versucht, sich mit Helene Weigel zu einigen. Er
habe ihr mehrere Drehbuchversionen vorgetragen. Mit keiner sei sie einverstanden
gewesen. Und er hatte schließlich das Gefühl gewonnen, dass
sie das Drehbuch einfach selbst bestimmen wollte. Damit konnte er nicht
leben. Und deshalb sei er letzten Endes rübergegangen.
Dann habe ich ihm natürlich gesagt, ja, dafür habe ich volles
Verständnis, als Autor.
IV
Frage: Aber nur an der Weigel kann es doch nicht gelegen haben. Bei Rotation musste er sich ja auch schon mit einem wichtigen Eingriff ins Drehbuch abfinden. Der pazifistische Appell am Ende war ihm von der DEFA untersagt worden. Und hier im Westen hatte er natürlich auch Probleme mit einer eher indirekten Zensur.
Michael Molsner: Mit einer indirekten Zensur, die allerdings nicht gewaltbewehrt war wie in der DDR. In der DDR konnte man beispielsweise in den Bau wandern. Derartiges brauchten wir hier nicht zu befürchten. Aber Zensur ist hier auch wirksam geworden, und zwar nachdem er den Rohschnitt vorgeführt hatte. Da wurden einige Leute wohl sehr nervös. Die haben gesagt, also da müssen wir drin schneiden.
Frage: Beim Tatort?
Michael Molsner: Ja, beim Tatort. Staudte hat sich die Schnittvorschläge
angehört, und er hat sie abgelehnt. Aber dann haben die vom Bayerischen
Rundfunk gesagt, sie müssten darauf bestehen. Dann hat er entgegnet:
Ja, da könne er natürlich nichts machen. Aber sie würden
es ihm sicherlich nicht übel nehmen, wenn er die Öffentlichkeit
darüber informiere, wie er selbst sich den Film vorgestellt habe.
Er werde eine Pressekonferenz einberufen, und zwar bald. Wenn es
den Herren und Damen passe, wäre es ihm natürlich sehr lieb,
sie kämen dazu, um ihren Standpunkt zu vertreten. So könnten
die Vertreter der Öffentlichkeit dann auch sehen, an welchen Stellen
man nicht zusammenkomme.
Daraufhin war große Beratung, ein Her und Hin. Schließlich
gab es keine Umschnitte. Dann könne man ja auch auf die Pressekonferenz
verzichten. Das wollte man dann doch nicht.
Frage: Um welche Stellen hat es sich dabei gehandelt?
Michael Molsner: Das weiß ich nicht. Aber wenn man sich den Film
anguckt, kann man es sich vielleicht vorstellen. Auf jeden Fall ist mir
nach der Erstsendung gesagt worden, der Verein der Haus- und Grundbesitzer
hätte sich beschwert wegen Diskriminierung.
Aber das ist Unsinn! Die Entmietung ist so, wie sie geschildert wurde,
authentisch. Ich hatte bei der Bürgerinitiative Lehel recherchiert.
Sie wurde von Ralf Dantscher geleitet, dem Kaplan der Ludwigskirche. Das
ist eine der größten Kirchen von München. Danscher war
schlecht angreifbar, auch für den Bayerischen Rundfunk.
Frage: Mich wundert, dass diese Schwierigkeiten so spät aufgetreten sind. Der Bayerische Rundfunk hat sich den Staudte doch bestellt und hat gewusst, was der sonst so treibt. Ihr Exposé und Drehbuch waren bekannt. Wieso ließ man alles fertig drehen und verlangte dann Umschnitte?
Michael Molsner: Ist Ihnen der Theaterregisseur Kurt Horwitz ein Begriff?
Seine Tochter war die Dramaturgin, die mich zum Tatort geholt hatte. Und
die hatte sicherlich keinerlei Probleme mit alledem.
Aber die Aufsichtsgremien des Bayerischen Rundfunk sind natürlich
wesentlich von der CSU kontrolliert. Und denen musste ja nun der Rohschnitt
vorgeführt werden. Einer von denen soll ausgerufen haben – das ist
mir aber erst später zugetragen worden - , wenn so etwas im Fernsehen
der DDR laufe, dann wundere er sich nicht. Aber wenn es beim Bayerischen
Rundfunk laufe: das sei doch ein Skandal. Unerträglich.
Der Film wurde auch nur ein einziges Mal gezeigt und war dann für
zwanzig Jahre verschwunden. Keine der üblichen Wiederholungen. Er
durfte nicht mehr vorgeführt werden. Als die Evangelische Akademie
Loccum eine Staudte-Retrospektive ansetzte, wollte sie den Film zeigen,
aber der Bayerische Rundfunk hat ihn nicht hergegeben.
Frage: Und das war allgemein bekannt?
Michael Molsner: Ja. Mit der Begründung, dass der Film die Haus-und Grundbesitzer beleidigt habe.
Frage: Aber dann, fast 20 Jahre später, ist Tote brauchen keine Wohnung plötzlich wieder aufgetaucht; anlässlich des 30jährigen Bestehens der Serie wurde er zu einem „Klassiker“ erklärt; für TV Spielfilm gehörte er 1995 sogar zu den „Top Ten“.
Michael Molsner: Ja, das hing mit personellen Veränderungen im
Rundfunkrat zusammen. Die alte Garde war dann weg. Einer war in Pension
gegangen, mit ihm waren dann auch andere, die zu seinem Team gehörten,
weg. Einer war zum MDR gewechselt.
Es gab ja innerhalb der Redaktion nicht nur Leute, die sagten, der
Film sei unerträglich, sondern es gab auch welche, die sagten: der
Film ist toll! Der muss gezeigt werden! Das gehört zur Münchner
Geschichte!
Mit einem Wort, das Thema ist alles in allem ein bisschen historisch
geworden. Aber als historisches Phänomen und auch im Zusammenhang
mit Staudte ist der Film doch insofern interessant, als Staudte hier in
einer Weise agiert hat, die imponierend ist. Wie ich offen gestehe, vor
allem auch deshalb, weil sie erfolgreich war. (lacht)
Er hat den Film gerettet!
Frage: Da ist bei Tote brauchen keine Wohnung wieder derselbe Effekt eingetreten wie bei seinen großen Kinofilmen. Er war tagesaktuell, hat den Zuschauern einen Spiegel vorgehalten, sehr schnell, sehr direkt. Er hat die Personnage des Films gewissermaßen aus dem Zuschauerraum zusammengestellt.
Michael Molsner: Also, was Staudte hier gemacht hat, erinnert mich an
Billy Wilder, der sinngemäß einmal über Reporter des Satans
und auch über Extrablatt sagte: Wenn man den Zuschauern zeigt, dass
sie im Grunde übel sind, dass sie ein gefährliches Spießerpack
sind, dann gehen die nicht ins Kino! (lacht)
V
Frage: Sie haben eben angedeutet, dass Sie im Roman Autobiografisches verwendet haben. Wollen Sie uns zu dem autobiographischen Hintergrund noch etwas Näheres erzählen?
Michael Molsner: Ich hatte in dem entsprechenden Viertel gelebt, als Kind, zusammen mit meiner Mutter – ich könnte die Episode beisteuern, die mir Karl-Heinz Deickert über Rotation erzählt hat. Das dürfte für Sie interessant sein. Soll ich?
Frage: Das hat sich vorhin umfassender angehört: Ihre Ortskenntnis im Lehel, Ihr Großvater,…
Michel Molsner: Also, nun denn, es war so: Ich bin 1939 geboren als
uneheliches Kind. Meine Mutter war damals Schauspielschülerin in München,
und sie hat mich zu ihren Eltern gegeben. Dort bin ich in einer Kleinstadt
aufgewachsen, zuerst in Ostpreußen in Allenstein, dann nach der Flucht
aus Ostpreußen weiter bei den Großeltern in einer württembergischen
Kleinstadt. Als ich zwölf war, ist meine Großmutter gestorben.
Mein Großvater hat wieder geheiratet. Er hatte nur eine sehr kleine
Rente. Die finanzielle Belastung, ein Kind großzuziehen, war dann
für ihn zu groß geworden; ich musste von einem sehr liebevollen,
liebeerfüllten Zuhause Abschied nehmen und kam zu meiner Mutter nach
München.
Sie lebte als Bohemienne, was damals sehr ungewöhnlich war,
teils von der Fürsorge, teils von Zeitungsbeiträgen, die sie
unterbringen konnte, mit vielen wechselnden Partnern, die nicht etwa unsympathisch
waren oder mir den Vater vorspielen wollten. Absolut nicht. Da waren auch
mal diese zwei jungen Schauspieler, die sie kennengelernt hatte, dieser
Karl-Heinz Deickert, der für Sie auch interessant sein dürfte.
Mit dem war sie damals liiert für eine Weile. Mit Deickert und seinem
Freund wohnten wir damals in einer Artistenpension, wie man das in München
nennt. Die beiden erzählten natürlich von ihrer Filmarbeit, von
ihrer Zeit als Schauspieler in der DDR. Das waren außerordentlich
angenehme Wohnungsgenossen für mich. Ich habe mich da also nicht zu
beklagen.
Frage: Aber es war ein starker Milieuwechsel.
Michael Molsner: Für einen Zwölfjährigen, der in der
pietistisch geprägten Kleinstadt Aalen aufgewachsen war, waren das
natürlich nicht ganz leicht zu verarbeitende Eindrücke. Da gab
es beispielsweise noch einen homosexuellen Bühnenbildner, vormals
einer der wichtigsten Künstler seines Faches, der nun unter ausgesprochen
dürftigen Bedingungen mit einem sehr, sehr jungen Freund zusammenlebte…
Teilweise hat der Milieuwechsel mich überfordert. Ich bekam
richtig Herzschmerzen, und der Arzt, der mich untersuchte, freundlicherweise
umsonst, weil meine Mutter keine Behandlung bezahlen konnte, sagte, ich
würde zu wenig Sport treiben. Ich erzählte, wie oft ich in der
Schule Sport hatte, und dass ich nebenbei auch noch schwimmen ginge. Dann
sagte er, aha, zuviel Sport.
Es war wohl beides nicht ganz richtig.
Frage: Dann ist Ihre Geschichte wohl die des kleinen Jürgen? Der bei seinem Großvater leben will und nicht bei seiner Mutter mit den wechselnden Geliebten.
Michael Molsner: Ja, in mir wurde eine Aggression geweckt durch diese
Überforderung. Und die konnte sich gegen niemanden richten. Meiner
Mutter verdanke ich sehr viel, ihren sehr vielen wechselnden Gefährten
auch, durchaus. Ich konnte ihr nicht im Ernst böse sein.
Aber ich wurde nicht mit der Situation fertig! Mit zwölf Jahren
ist man noch sehr klein. Und ich hatte nie einen Vater gehabt, der mich
hätte leiten können.
Eine Interviewerin hat mir einmal entgegengehalten: Und wenn schon,
dann sucht man sich eben einen Ersatzvater, irgendeinen Lehrer, oder so.
So ein Spruch mag jetzt gerade gängige Ideologie bei Emanzipationsflagge
tragenden Single-Müttern sein, die sich sicher sind, dass ihre Söhne
gedeihen. Aber aus meiner Erfahrung heraus kann ich dem nicht beipflichten.
Frage: Sie sind dann aber lange in München geblieben?
Michael Molsner: Ja, ich habe in München sogar noch Abitur gemacht.
Die Schule war der einzige sichere Ort, den ich hatte. Alles andere war
sehr unsicher. Lehrer haben mich sehr gefördert. Aber auch meine Mutter.
Alles, was ich an künstlerischen, literarischen Eindrücken mitbekam,
habe ich letzten Endes von ihr.
Geistig hat sie mich üppig versorgt. Materiell fast gar nicht.
Wir waren in Umständen, dass ich die ganze Schulzeit über die
Kleider von Wohltätigkeitsorganisationen getragen habe. Und ich erinnere
mich an Zeiten, in denen ich mir dadurch ein Frühstück beschaffte,
dass ich morgens vor Schulbeginn eine Milchflasche versetzte und mir für
das Pfand ein Brötchen oder ein Glas Buttermilch kaufte.
Ich sage das nicht aus Selbstmitleid, das war halt so. Wenn ich sowas
heute mit ansehen müsste, würde ich unruhig werden und sagen:
Das lässt keine günstige Prognose zu.
So eine Geschichte sollte man nicht auf einen einfachen Rahmen spannen.
Man kann nicht sagen: Was für eine Rabenmutter! Aber auch wie manche
Frauen mir das heute zurückgeben, indem sie begeistert reagieren:
Eine tolle Frau ! Ein Vorbild ! – Ich bin dankbar, dass Sie es nicht tun.
Frage: Beim Betrachten des Films hatte ich Jürgens Mutter gegenüber ganz unterschiedliche Impulse. Einerseits möchte man sie anschuldigen, sie mache alles falsch. Dann sieht man auch wieder die in jeder Hinsicht beengten Verhältnisse. Wie soll sie es denn richtig machen? Diese Frau, die von Lisa Fitz verkörpert wird, läuft durch den Film, ohne dass man sie besonders gut nachvollziehen kann.
Michael Molsner: Jürgens Mutter ist nur eine Filmfigur. Die hat
relativ wenig Dialog, den muss sie eben ausfüllen.
Meine Mutter war keine Frau, die Lederwesten trug, wie Lisa Fitz im
Tatort. Oder die sich quasi mit unreifen Halbstarken einließ. Sie
ging mit Künstlern um, in der Regel, oder aber sie verliebte sich
in ungewöhnlich schöne Männer. Was man ihr ja nicht verübeln
kann. Nur verlor sie sich dann in so einer Liebe, und ich saß unterdessen
in München in einem unbezahlten Pensionszimmer und hatte die zeternde
Wirtin zu ertragen. Sie war immer weg!
Geistig verdanke ich ihr mehr, als man das in kurzen Worten sagen kann.
Im Film (lacht) verdankt der kleine Junge seiner Mutter geistig nichts.
Sie kann auch geistig nichts geben, diese Dimension fehlt der Filmfigur.
Aber materiell und emotional hat sie uns alle unterversorgt.
Und zwar in einer Weise und in einem Alter, wo man das schwer verkraftet.
Insgesamt hatte sie zehn Kinder von sechs verschiedenen Männern, von
denen sie mit zweien verheiratet war. Und von den zehn Kindern, neun waren
lebend, sind drei zur Adoption frei gegeben worden. Nachdem ich sie als
Babies kennengelernt hatte, waren sie wenige Wochen später weg. Alle
meine Geschwister sind in Heimen aufgewachsen. Und haben die entsprechend
schweren Schäden davongetragen. Der vorbestrafte und ungeliebte Josef
Bacher im Tatort ist meinem Halbbruder nachgebildet.
Das ist der biographische Hintergrund der Geschichte.
VI
Frage: Vor diesem Hintergrund stelle ich mir vor, dass Staudtes Umgang mit Ihrem Drehbuch für Sie heikel war.
Michael Molsner: Mir hat gefallen, was Staudte aus der bei mir ja nur
angedeuteten Figur macht. Er konnte wohl keine Mutter gebrauchen, die entweder
einen schönen Mann oder einen Künstler bei sich hat, aber er
macht eine Frau daraus, die dem Publikum einleuchtet als Outsiderin. Als
eine Rebellin, die dem kleinen Jungen, der durch das Zusammenleben mit
seinem Großvater ja eigentlich sehr konservativ gestimmt ist, nicht
einleuchtet.
Das hat Staudte gut herausgefühlt. Vielleicht auch aus mir herausgefragt,
so wie Sie das jetzt tun. Ich weiß es nicht mehr. Dazu ist es zu
lange her.
Frage: Und wie fanden Sie, insgesamt gesehen, Staudtes Umgang mit Ihrem Drehbuch? Sie hatten da ja so Ihre Befürchtungen.
Michael Molsner: Ich habe den Eindruck mitgenommen, dass Staudte ein
Mensch war, der den Autor und seine Intention sehr ernst nimmt. Und auch
respektiert. Der hat nicht eine einzige Zeile im Manuskript geändert.
Sondern er hat sich eingefühlt, sich gefragt: Wie kann ich dem noch
Nachdruck verleihen? Was fällt mir dazu ein? Dadurch wird dann der
Film besser als das Drehbuch.
Er ging ganz anders vor als die andere Sorte Regisseur, die sich
sagt: Die Stelle versteh ich nicht, was soll das? Die fangen dann gleich
an, am Drehbuch rumzufummeln und zu ändern. Irgendwie wird dann auch
ein Film draus, aber niemand erkennt sich mehr darin wieder.
Frage: Beim Stichwort Nachdruck fällt mir die Massenszene im Treppenhaus ein. Nach dem Mord stehen alle neugierig im Treppenhaus herum, der verhasste Vermieter kommt dazu, gleichzeitig wird der Sarg quasi über den Köpfen der Menge in die Wohnung geschaukelt. Wie detailliert waren denn da die Vorgaben des Drehbuchs ?
Michael Molsner: Also dass die Szene derart klaustrophobisch wirkt, ist natürlich Ergebnis der Inszenierung. Diese Szene ist klasse fotografiert. Der Staudte bringt Tiefe rein. Die habe ich im Drehbuch natürlich auch angelegt (lacht)! Aber er tut noch was dazu.
Frage: Gibt es dafür weitere prägnante Beispiele? Bei denen Staudte durch die visuelle Gestaltung etwas dazu tut?
Michael Molsner: Der Film beginnt, wie im Drehbuch vorgesehen, mittendrin
in München mit echten Dokumentaraufnahmen von einer Mieterdemonstration
unter dem Motto „Wir lassen uns hier nicht hinausjagen“. Die Demonstration
zieht vorbei, dann beginnt die Spielhandlung: ein Taxi fährt vor und
Bacher steigt aus.
Dazwischen hat Staudte ein einzelnes, ganz schlichtes Bild eingefügt:
Der Demonstrationszug lässt natürlich auf seinem Weg Flugblätter
zurück, die die Straße mehr oder weniger dicht bedecken. Ja,
und bei Staudte kommt dann gleich ein städtischer Kehrwagen, mit solchen
automatisch sich drehenden Besen, der alle diese Flugblätter wegkehrt,
zu Abfall verwandelt.
Das kann man heute wahrscheinlich nicht mehr nachfühlen. Aber
damals, als ich den Film zum ersten Mal im Kreise von Freunden und Bekannten
sah – aus irgendeinem Grund hatte ich damals noch gar keinen Fernseher
und wir, so eine Art Entourage des germanistischen Seminars, schauten uns
das alle gemeinsam an. Wir waren alle noch erfüllt von der Begeisterung
und dem Aufbruch. Dann kam der mit seinem Kehrwagen! Wir waren alle wie
vom Donner gerührt. Was wir da sahen, wirkte auf uns wie ein Eimer
kaltes Wasser.
Frage: Spiegelt das eher Staudtes Einstellung zur Wirksamkeit von Bürgerinitiativen, oder war es nicht vielleicht auch eine Provokation?
Michael Molsner: Es war ganz einfach Realismus. Die Demonstration war ganz ernst genommen, aber den Kehrwagen hat er auch ernst gemeint. Tote brauchen keine Wohnung ist ja kein Propagandafilm.
Frage: Auch Ihr Roman schließt damit, dass die Sanierung eben doch stattfindet.
Michael Molsner: Ja, und so war’s ja auch.
Frage: Ihr Beispiel finde ich typisch für Staudtes Stil, alltägliche Gegenstände so ins Bild zu setzen, dass sie ohne Worte die Haupthandlung eindrücklich kommentieren.
Michael Molsner: Er hat noch eine einzige weitere Ergänzung vorgenommen,
aber aus ganz anderem Grund. Es wird ja relativ früh klar, dass es
um einen Giftmord geht. Und viel später wird der Mord dem Jungen durch
die Spurensicherung nachgewiesen. An dem Punkt war für Staudte die
Erzählweise zu ungenau. Er meinte: Der Zuschauer muss mitbekommen,
dass Jürgen den Giftbehälter sieht, und zwar, noch bevor das
Gift seine tödliche Wirkung entfaltet, also bevor die eigentliche
Kriminalhandlung in Gang kommt.
Das hat mir gleich eingeleuchtet, ich habe mich entschuldigt und gesagt:
ich schreibe das in das Drehbuch hinein. Aber er sagte beiläufig:
Das macht doch nichts. Nein, das mach ich schon. Mir fällt da was
ein.
Frage: Ah, schön. Das war dann die Idee, die Küchenszene mit dem Umtopfen der Blumen aus dem Regal herauszufilmen. Der Blick in die Küche wird durch allerlei Flaschen und Tiegel halb verdeckt. Und so steht da, deutlich sichtbar, eben auch die Dose mit dem großen Totenkopf.
Michael Molsner: Ja, genau. Das war die einzige Änderung. Er hat sie mir angekündigt, er hat sie mir genau begründet, und er wollte sie nicht von mir geschrieben haben, sondern sich selber was ausdenken.
Frage: Vielleicht musste auch deshalb nicht viel geändert werden, weil es zwischen Ihnen und Staudte eine Art Verwandtschaft im Geiste gab ?
Michael Molsner: Das würde ich auf jeden Fall auch so sehen. Nur
dass er schon ein Denkmal war, als ich ihn kennenlernte. Und ich war ein
ganz Junger, ich fing ja erst an.
Trotzdem - ich habe ja inzwischen etliche Drehbücher geschrieben
– möchte ich betonen, dass ich nie wieder einen Regisseur getroffen
habe, der ein Drehbuch so rundum akzeptierte, der einfach nur sagte: Das
Drehbuch gefällt mir.
Frage: Das hat Ihnen damals gut getan.
Michael Molsner: Ja, klar. Und ich fand es ganz toll, dass Staudte
sich mit sehr breitem Rücken und mit seiner unantastbaren Reputation
schützend vor mich gestellt hat. Ich selbst hätte mich ja gegen
ein Aufsichtsgremium nicht wehren können.
Das Interview wurde geführt von Uschi und Andreas Schmidt-Lenhard
In "Courage und Eigensinn", Oktober 2006