Rezension in der Münsteraner Zeitschrift GIG

Mag sein, daß die folgende Analogie zu deutlich um den Welt(un)geist buhlt, aber sie drängt sich nach der äußerst spannenden Lektüre dieses (semi-)historischen Romans einfach auf: Genau wie die Amis in den Achtzigern den Komplex „Taliban“aus Kalten-Kriegs-Überlegungen heraus erst zu dem gemacht haben, was er heute ist, hat das Deutsche Reich unter Wilhelm Zwo Lenin und Genossen mittels einer halben Milliarde Mark zu genau der (Sowjet-) Macht verholfen, die dann schließlich vom Osten her die Monarchie hierzulande in den Mülleimer der Geschichte verfrachten sollte.
Klar, die Zugfahrt der Herren Zarenstürzler... ist leidlich bekannt, da verfilmt; die seltsame pekuniäre Allianz zwischen Kaiserreich und den Bolschewiki hingegen darf getrost als kleine Entdeckung gewertet werden.
Der mittlerweile in Dortmund lebende Autor Michael Molsner, Jahrgang 1939 und veranwtortlich für so manches „Tatort“-Drehbuch, hat drei Jahre für „Um alles in der Welt“ in verschiedenen Archiven recherchiert und den Stoff als halbfiktionale Geschichte um Macht, Geld, Liebe und Ideologie aufgearbeitet. Daß Molsner auch mit dem Film zu schaffen hat, kommt dem Kopfkino nur zugute: Geschickt inszeniert er Sprünge zwischen dem legendären Schwabing der Kaiserzeit, dem St. Petersburg während der Wirren der Oktoberrevolution oder den New York kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, die förmlich nach Breitwand und Lichttheater rufen. Selten eine so gelungene Symbiose aus Historie und Literatur gelesen...“
INGO RÜDIGER