Münchner Abendzeitung 15.4.2002
AZ Kultur: Der Fisch im Schwabinger
Wasser
Michael Molsners Roman "Um alles in der
Welt"
Geschichtsbücher halten angeblich fest, was
tatsächlich in der Welt passiert ist. Aber wie
Bismarck eigentlich auf die Emser Depesche
gekommen ist, wie Göring es angestellt hat,
dass man ihn für einen Feldherrn hielt, und
wie es Isidors Kirche gelang, trotz (oder
wegen?) seines Mega-Schwindels eine
Riesen-Weltmacht zu begründen, erfährt man
meistens nicht oder nur bruchstückhaft.
Umgekehrt grassiert in der modernen
Geschichtsforschung oft genug die wilde
Spekulation ("War Hitler schwul?").
In Michael Molsners Roman "Um alles in der
Welt" (Oktober Verlag, 295 Seiten, 21
Euro) stimmt dagegen alles aufs Glücklichste
zusammen. Die Story, die es ihm angetan
hat, ist im Grunde bekannt: Im Ersten
Weltkrieg hat das kaiserliche Deutschland
seinerzeit einen einschlägig bekannten
Umstürzler namens Wladimir Iljitsch
Uljanow, besser bekannt unter seinem
Decknamen Lenin, in einem plombierten
Eisenbahnwaggon ins kriegführende
Russland zurücktransportiert, auf dass er
dort den Zaren stürze und per Sonderfrieden
das Deutsche Reich vom Druck an der
Ostfront befreie.
War das nun wirklich der einzige Grund,
fragt Michael Molsner, dass Berlin immerhin
an die 50 Millionen Reichsmark in dieses
Unternehmen investierte? Nein, lautet seine
Antwort. Mehr sei hier allerdings nicht
verraten. Heute nun - Stalin-Terror, deutsche
Barbarei und Kalter Krieg sind Geschichte -,
sieht Molsner die Zeit gekommen, die
weltpolitischen Konsequenzen jener
"okkulten Aktion", auf die sich das Deutsche
Reich mit Lenin eingelassen hatte, neu
aufzurollen. Und weil er halt ein mit allen
(Krimi-)Wassern gewaschener
Spannungsautor ist (über ein Dutzend
Romane, "Tatort"-Drehbücher), hat er auch
hier zum Mittel des Romans gegriffen, um
den anstehenden Fall so lebendig wie
möglich zu schildern.
Das Szenarium spannt sich vom Schwabing
der Vorkriegszeit, in dem Lenin zwischen
Bohèmiens, Anarchisten, Sozialisten,
Revoluzzern und echten Revolutionären wie
ein Fisch im Wasser schwamm, über
Moskau, Zürich und Berlin bis in die USA
und zurück. Es ist mit enormer Sachkenntnis
und Liebe zum Detail entworfen. Zudem -
und das macht den besonderen Reiz der
Lektüre aus - spürt, riecht und schmeckt
man förmlich mit allen Sinnen, was damals
zur einzigartigen "geschichtsträchtigen"
Atmosphäre beitrug.
Man taucht ein in ein Leben, das alle Politik,
Kunst und Unterhaltung und all die
intellektuellen Auseinandersetzungen weit
"geschichtsträchtiger" auflud, als das heute
der Fall ist.
Was Molsner zu erzählen hat, reicht
tatsächlich noch bis in unsere Gegenwart
herein. Wer also erfahren will, wie das denn
so ablief, als man damals in Deutschland
beides zugleich "übte" - Demokratie hier,
Weltpolitik da -, erfährt bei Molsner um
vieles mehr, als im Geschichtsbuch steht.
Klaus Kamberger
(c) Münchner Abendzeitung