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| UM ALLES IN DER WELT
Textprobe „Jana, ich bin ganz ratlos vor Angst, daß ihr euch als zu lasch erweist!” Er besann sich. „Vor drei Stunden stellte ich Tschitscherin die Frage, ist die deutsche Gesandtschaft sicher? Jetzt verabschiede ich mich von dir, aber eine Antwort habe ich nicht bekommen!” „Gibt es das, garantierte Sicherheit? Was stellst du dir vor?” „Sei nicht ungehalten und bedenke, daß meine Frage den russischen Holzpuppen gleicht, es steckt eine zweite darin – sie ist die weit bedeutendere. Bleibt Lenin an der Macht?” „Wer sollte sie ihm wegnehmen, die Spiridonova?” Jana musterte ihn spöttisch. „Jetzt bist du kaltschnäuzig! Jeanne d’Arc wurde zuerst für ein dummes Bauernmädel gehalten. Inzwischen ist sie Frankreichs Nationalheldin, ihre Heiligsprechung wird erwartet!“ „Große Worte!” Verwundert blickte Jana zu ihm auf. „Ich habe in Moskau einen einzigen Auftrag zu erfüllen. Gelingt er mir, dann ist meine Mission ein Erfolg, und die Nachwelt wird mein Profil auf Münzen prägen. Gelingt er nicht, dann ist das beste, was ich erhoffen darf, barmherziges Vergessen. Ich muß Lenin die Macht erhalten. Auf nichts sonst kommt es an. Ich habe ihm zu helfen mit allem, was eine Großmacht aufbieten kann: Mit Geld, Beziehungen, Waffen. Wenn die Esseris den deutschen Gesandten erschießen, und seit Wochen drohen sie täglich damit, bin ich gescheitert! Sie sitzen in der Regierung. Lenin ist Chef der Regierung! Ludendorff wird darauf bestehen, Rußland militärisch zu sichern, sobald der Regierungschef seinen Koalitionspartner nicht mehr beherrscht. Wir Diplomaten wollen Sowjet-Rußland in ein Bündnis ziehen, das zum beiderseitigen Nutzen wäre. Ludendorff will euch ausplündern! Lenin muß den vollen Ernst dieser Mitteilung begreifen und darf sie nicht als alberne Befürchtung von Feiglingen abtun. Er unterschätzt die Villa Berg, wenn er glaubt, daß wir um unser kleines Leben zittern. Jeder von uns wäre bereit, von der Gesandtschaft an die Front zu wechseln und dort zu dienen.” „Du hast Angst. Aber nicht um dich selbst.” „Sehr gut. Sag ihm das.” Sie lächelte. „Wenigstens hab ich morgen einen guten Grund, mit der Gesandtschaft zu telefonieren und darauf zu bestehen, daß Herr Botschaftsrat persönlich an den Apparat bemüht wird.” „Ich freu mich darauf, Jana.” „Ich mich auch ... Kuß?” „Hier und jetzt?” Ihre Tschekisten waren mitgekommen und umringten sie beide schützend ... Dennoch konnten Spaziergänger aufmerksam werden, die den einbrechenden Abend genossen und gewiß auch die Spannung, die in der Luft lag. „Hast recht, ich bin unvernünftig ... Und du sehr besonnen, wie immer!” Sie lachte auf. „ Dabei küssen sich in Moskau alle ununterbrochen gegenseitig ab. Bis morgen!” „Ich kann es kaum erwarten.” Er sah ihr nach, bis sie im Gebäude verschwunden war. Vor seinem Besuch bei Tschitscherin hatte er nicht geahnt, daß Jana wieder im Metropol zu finden war. Er hatte sie in der Ukraine geglaubt! Endlich riß er sich los und ging zu dem Platz, wo er den „Horch” unter Bewachung zurückgelassen hatte. Blütenschwere Laubkronen entsandten einen Duft, den Ritter als subtropisch und berauschend empfand. Im Schatten der Bäume wisperten Liebespaare. Schneidend fuhr – brutaler Kontrast – der Anblick eines klapperdürren Droschkengauls durch die Seele. Tiere litten mehr als die Menschen, die immerhin ihre Hoffnungen hatten. Ein Tier besitzt nur den Augenblick.
Bibliografie zum Roman Schutzumschlag des Romans Michael Molsner: UM ALLES IN DER WELT Roman, 250 Seiten Oktober Verlag Münster ISBN 3-935792-50-6 |